Diese Rezension wurde zuerst in den Libertären Buchseiten der Graswurzelrevolution veröffentlicht.
BeA: Beziehungsweise Anarchie. Utopien leben. Bedürfnisorientiert lieben. Ein kleines Manifest. Unrast Verlag, Münster 2026, 96 Seiten.
Als das Konzept der Beziehungsanarchie von Andie Nordgren 2012 in einem sehr kurzen Manifest aufkam und dann viel diskutiert wurde, dachte ich zunächst, dass es diesen neuen Begriff so nicht brauche, da ich Polyamorie schon immer so verstanden hatte, dass es keine Hierarchie zwischen Bedürfnissen gebe, dass Liebesbeziehungen nicht etwas Wichtigeres oder grundsätzlich Anderes als Freundschaften sein müssen und dass unterschiedliche Beziehungen unterschiedliche Bedürfnisse erfüllen können. Andererseits ist es vielleicht gut, mit einem neuen Begriff genau diese Ideen ins Zentrum zu rücken. Und ganz nebenbei vielleicht bei einigen die Neugier auf Anarchie unabhängig von Beziehungen zu wecken.
Im Manifest von Nordgren geht es gar nicht um Anarchie, der Begriff wird nur benutzt. BeA dagegen stellt in „Beziehungsanarchie – das Manifest“ die Gemeinsamkeiten zwischen Beziehungsanarchie und anarchistischen Ideen ausführlich dar. Schon auf dem Titel des Buches taucht ein Begriff des Anarchismus auf: bedürfnisorientiert. BeAs Beschreibungen der Beziehungsanarchie lassen sich auf Anarchie übertragen: „Beziehungsanarchie ist nicht Chaos, sondern bewusste Verantwortung“ oder „Freiheit ohne Fürsorge ist keine Beziehungsanarchie, sondern neoliberale Vermeidungsstrategie im anarchistischen Gewand“ oder „Beziehungsanarchie als notwendiger Widerstand gegen den autoritären Ruf nach Ordnung, für Vielfalt, Solidarität und Selbstbestimmung“ oder „Beziehungsanarchie rückt Care ins Zentrum“. Beziehungsanarchie wird als eine Möglichkeit der anarchistischen Praxis und des Widerstands gesehen: „Jede Beziehung, die sich weigert, Besitzlogiken zu reproduzieren, ist ein Gegenentwurf zum Staat, zum Patriarchat, zum Kapitalismus – nicht symbolisch, sondern praktisch.“
Spannend finde ich, dass der Titel „Beziehungsweise Anarchie“ eine Anspielung auf Bini Adamczaks „Beziehungsweise Revolution“ sein könnte. Auch inhaltlich gibt es Gemeinsamkeiten, da beide die Wichtigkeit von solidarischen Beziehungen für gesellschaftliche Veränderungen betonen. BeA erwähnt Adamczaks Buch jedoch nicht als Referenz. Ob das ein schmunzelnder Seitenhieb auf Kommunist*innen ist, die oft anarchistische Quellen unerwähnt lassen oder die anarchistischen Opfer kommunistischer Regime verschweigen?
BeA behandelt in dem Buch den Umgang mit Asymmetrien in Beziehungen, bleibt dabei jedoch auf der Ebene der Bedürfnisse. Spannend wäre gewesen, auch einen Blick auf Herrschaftsverhältnisse in Beziehungen zu werfen. So erfordern beispielsweise unterschiedliche Diskriminierungserfahrungen eine andere Herangehensweise als unterschiedliche Bedürfnisse. Dazu ist das Buch „Kluft und Liebe“ von Josephine Apraku zu empfehlen.
Wie BeA kann ich eine Faszination für diese Parallelen zwischen Beziehungsanachie und Anarchie entwickeln. BeAs Manifest enthält einige spannende theoretische Gedanken. Gleichzeitig wünsche ich mir gerade in Bezug auf praktische Themen nicht nur theoretische Gedanken, sondern vor allem ehrliche Erfahrungsberichte, die auch auf Schwierigkeiten eingehen und die Best Practices beschreiben. Als ich vor vielen Jahren mit dem Buch „The Ethical Slut“ in das Thema Polyamorie eingetaucht bin, waren es gerade diese Erfahrungsberichte von Dottie und Catherine, die die Theorie verständlich und greifbar gemacht haben.
Das Manifest von BeA enthält auch einige persönliche Notizen, die jedoch teilweise schnell wieder ins Allgemeine gehen und wenig hinter die Kulissen blicken lassen: Wie waren die Aushandlungsprozesse zu diesen Beziehungsformen? Welche Herausforderungen gab es? Wie geht es den Beteiligten damit? Doch das kann ein Manifest nicht leisten. Und auch BeA schreibt am Ende, dass das Manifest als Anfang von Gesprächen gedacht ist und dass die Gedanken erst dann Bedeutung bekommen, wenn sie gelebt werden. So sind wir alle aufgerufen, unser Leben zu leben und von Erfahrungen zu berichten, damit die Idee anarchistischer Beziehungsweisen sich weiter verwurzelt.