Beziehungsweisen

Nachdem ich „Beziehungsweise Anarchie“, ein Manifest zu Beziehungsanarchie von BeA, gelesen hatte, habe ich beschlossen, das oft gelobte Buch „Beziehungsweise Revolution“ von Bini Adamczak zu lesen. Auf der Suche nach Gemeinsamkeiten der Beziehungsweisen und aus anarchistischer Perspektive Erstaunlichem.

Bini nutzt einen wesentlich weiteren Beziehungsbegriff als BeA: Es geht nicht nur um Nahbeziehungen (Freund*innen und Liebesbeziehungen), sondern auch darum, in welchen Beziehungen Menschen auf gesellschaftlicher Ebene zueinander stehen, und selbst um ökonomische Interaktionen sind Beziehungsweisen. Bei Beiden geht es darum, wie das Ansetzen bei Beziehungen, das Verändern von Beziehungsweisen eine präfigurative Praxis sein kann auf dem Weg in herrschaftsärmere Gesellschaften.

Der Blick auf gesellschaftliche Beziehungen bei Bini eröffnet interessante Perspektiven, auch bezüglich Gender: Während der Russischen Revolution von 1917 sei der „Universal Drag King“ das gesellschaftliche Ideal gewesen, also Gleichberechtigung durch die Norm der Männlichkeit. In der 1968er-Revolution dagegen ging es dagegen um Gleichberechtigung bei Differenz, um Individualität und Freiheit. Für zukünftige Revolutionen hofft Bini, dass sich "queer als Begierde, nicht dermaßen identifiziert zu werden" fassen lässt, also dass Gender in den gesellschaftlichen Beziehungen an Bedeutung verliert.

Unabhängig von Gender ist Binis Anregung, sich auf solidarische Beziehungsweisen zu konzentrieren. Neben Solidarität sei dazu auch Pluralität, Differenz, Dissens und die Möglichkeit zu Veränderung wichtig. Dies könne die ausführlich analysierten Probleme früherer Revolutionen wie den Revolutionsfetisch, die postrevolutionäre Depression, den Utopiefetisch und die neoliberale Individualisierung vermeiden.

Was mich verwundert, ist, dass Bini zwar solidarische Beziehungsweisen anregt und auch ein Zitat zur Wichtigkeit intellektueller Trauerarbeit um das Scheitern der Revolution einfügt und dann doch nur halbherzig Beziehung zu anarchistischen Bewegungen aufnimmt:

  1. So wäre es angemessen gewesen, den Kronstädter Aufstand 1921 nicht einem strategischen Akt gleich als „Geschichtszeichen“ oder als „Rettungsversuch der Revolution“ zu bezeichnen, sondern die zerstörten Beziehungen dahinter zu benennen: Dieser Aufstand trat auch für anarchistische Ideen ein, Anarchist*innen mussten nach dessen Scheitern fliehen und das bolschewistische Regime hat die anarchistische Bewegung – schon vor, aber vor allem nach 1921 – weitgehend gewaltvoll zerschlagen.

  2. Wenn es um das Nennen bereits existierender solidarischer Beziehungsweisen in der Praxis geht, präsentiert Bini eine knappe Liste mit Commons und Kommunen. Mit etwas mehr Recherche in anarchistischen Bewegungen wäre die Liste ermutigender und vielfältiger geworden.

  3. Bini meint zur Überwindung des Revolutionsfetisch und zu gelingenden Revolutionen sei es notwendig, erstens Ideen der Revolution vorwegzunehmen und zweitens in der postrevolutionären Utopie Differenz und Dynamik zuzulassen. Bini schreibt, dass Anarchist*innen den ersten Teil als Kritik am marxistischen Revolutionsmodell geäußert haben (den Namen dieses anarchistischen Konzepts, Präfiguration, nennt sie jedoch nicht). Unerwähnt bleibt ebenfalls, dass auch die zweite notwendige Komponente, die pluralistischen und sich dynamischen anpassenden Utopien schon eine lange anarchistische Tradition haben.

Bäm, da haben wir sie mal wieder, die Freude der Anarchist*innen im Recht zu sein, ;). Nein, im Ernst, es gibt nicht „den richtigen Anarchismus“ und klar, haben Anarchist*innen auch schon viel Quatsch geäußert. Trotzdem wünsche ich mir für emanzipatorische, auf solidarische Beziehungsweisen bedachte Bewegungen etwas mehr Anerkennung für anarchistische Theorie und Praxis.

Wichtiger als die nicht neue Erkenntnis, dass Präfiguration und solidarische Beziehungsweisen eine gute Praxis sind (oder dass Binaritäten wie Frau/Mann oder Affektiertheit/Rationalität aufgelöst werden können), wäre die Frage, wie diese solidarischen Beziehungsweisen gestärkt werden können. Wie autoritäre und egoistische Beziehungsweisen, die solidarische Ansätze untergraben können, erkannt und gebannt werden können und wie sich solidarische Netzwerke in der Praxis ausbreiten können.

2026/06