Erstveröffentlicht in der anarchistischen Zeitung Graswurzelrevolution Nr. 508, April 2026
Ein Mensch aus anarchistischen Zusammenhängen sagte neulich, dass die besondere Chance unserer Zeit darin bestehe, dass wir mehr Unterdrückungsebenen zusammendenken als die Generationen vor uns: Der Staat, gesellschaftliche Institutionen und Strukturen unterdrücken uns. Zusätzlich gibt es, meist beeinflusst durch die systemische Unterdrückung, Mechanismen der Unterdrückung in Beziehungen mit anderen Menschen, auch in Politgruppen, Aktivist*innengruppen, Hausprojekten oder Liebesbeziehungen. Selbst wenn wir noch so anarchistische Absichten und Utopien haben. Und auf einer dritten Ebene hat all dies Einfluss auf unsere Körper und unsere Psyche, die unter dieser Unterdrückung leiden, in ihren Möglichkeiten beschränkt werden, Machtmechanismen verinnerlichen und diese wieder reproduzieren. Parallel zu diesen drei Ebenen gibt es mehrere Diskriminierungsformen wie Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Ableismus und Queerfeindlichkeit durch deren Intersektionalität zusätzliche Effekte der Unterdrückung entstehen.
All diese Unterdrückungsebenen und -formen sind fest in uns verankert. Durch Sozialisation und Gewohnheit. Wie können wir unsere dysfunktionalen und Herrschaft reproduzierenden Verhaltensmuster erkennen, reflektieren, durchbrechen und durch herrschaftsarme, emanzipatorische Handlungsweisen ersetzen? Wie können wir durch gegenseitige Unterstützung dafür sorgen, dass es uns langfristig in unseren politischen Aktivitäten gut geht und wir effektiv Veränderungen bewirken können? Sodass die Veränderungen nicht nur in uns und unseren Beziehungen, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene Wurzeln schlagen und die Wurzeln der Unterdrückung unter Druck geraten?
Eine Möglichkeit dazu, die mit anarchistischen Ideen vereinbar ist, ist Co-Counselling. Co-Counseln ist eine Methode und ein selbstorganisiertes Netzwerk zur gegenseitigen Unterstützung mit therapeutischen Effekten. Co-Counselling entstand in den 1950ern in den USA. Diese, als Re-evaluation Counseling (RC) bezeichneten Strukturen, wurden als zunehmend zu zentral gesteuert und inhaltlich einschränkend wahrgenommen. Daher spaltete sich in den 1970ern Co-Counselling International (CCI) ab, ein undogmatisches dezentrales Graswurzel-Netzwerk, das auf Selbstorganisation und mehr Flexibilität in Theorie und Praxis setzt. Im Folgenden beziehe ich mich ausschließlich auf die CCI Version des Co-Counselns.
Jede Person und Gruppe im Netzwerk ist autonom und selbstorganisiert. Jede Person kann Angebote einbringen oder Veränderungen an den Methoden anregen, auch wenn diese dann Zeit brauchen. Jedoch gibt es eine gemeinsame Philosophie, Prinzipien und Prozesse, die alle verbinden: verbindliche Vereinbarungen wie beispielsweise die Vertraulichkeit und geteilte Wertvorstellungen schaffen einen sicheren Rahmen. Das CCI-Netzwerk kann daher als eine präfigurative emanzipatorische Struktur gesehen werden, eine Organisationsform, die die Transformationen in eine zukünftige Gesellschaft vorwegnimmt, indem sie deren Ideen jetzt schon umsetzt.
Co-Counseln beruht auf Ideen der humanistischen Psychotherapie, insbesondere auf der Annahme, dass Menschen im Rahmen ihrer Möglichkeiten handeln, Verantwortung für ihr Handeln übernehmen und selbst Ideen für ihre Entwicklung finden können. Ziele der Methode sind die Stärkung von Selbstwahrnehmung, emotionaler Kompetenz und Widerstandsfähigkeit nicht nur in mir selbst, sondern auch bei anderen. Dadurch wird auch die Fähigkeit zu Beziehungen jeglicher Art verbessert, was gerade in Krisenzeiten eine wichtige Ressource und eine der besten Vorbereitungen auf schwierige Zeiten ist.
Die Grundidee ist, dass zwei Menschen sich treffen (online oder vor Ort) und die Zeit in gleiche Teile teilen. In der ersten Hälfte bearbeitet die erste Person ihre Themen. Die zweite Person hört sorgend und frei von Bewertungen oder Interpretationen zu und bietet Interventionen (Werkzeuge) an. In der zweiten Hälfte ist es andersherum. Die Rollen werden auch Klient*in und Counseller*in genannt. Durch den Rollentausch gibt es keine Hierarchie. Die Verantwortung für den Prozess liegt bei der*dem Klient*in. Der*die Counseller*in hält den Raum, bestimmt jedoch nicht die inhaltliche Ausrichtung oder die Tiefe dessen, was der*die Klient*in bearbeitet. Es ist also jeder Person überlassen, ob sie in ihrer Sitzung an ihren Plänen für nächste Woche, aufwühlendes aus den letzten Wochen, dysfunktionalen Verhaltensmustern oder dahinter steckenden Erlebnissen aus der Kindheit arbeiten will. Dysfunktional sind Muster dann, wenn sie die Person an einem erfüllten Leben hindern und unbewusst statt selbstbestimmt ablaufen.
Wichtige Grundsätze des Co-Counselns sind Vertraulichkeit (was innerhalb von Sitzungen gesagt wird, darf von der*dem Counseller*in nicht erwähnt werden, die*der Klient*in jedoch darf über die eigenen Inhalte reden), Urteilsfreiheit (der*die Counseller*in hört zu, ohne Urteile zu fällen) und die Verantwortung für den eigenen Prozess, die bei der*dem Klient*in liegt.
Nachdem ich die Idee des Co-Counseln viele Jahre interessiert beobachtet hatte, habe ich Ende letzten Jahres einen CCI-Basis-Kurs besucht, nach dessen Absolvierung mensch in das internationale Netzwerk aufgenommen wird. Meine Sorge, ob ich mit meinen Einstellungen da hineinpassen würde, verflog schnell. Die Organisatorin hat es geschafft, einen sicheren und empathischen Raum zu schaffen. Herrschaftskritische Themen tauchten ganz selbstverständlich immer wieder auf. Der Kurs selbst hat das Konzept des Peer-to-Peer Lernens benutzt. Es gab zwar Vorträge zur Vermittlung der Ideen und Werkzeuge, doch waren diese stets mit Demonstrationen von erfahreneren Co-Counseller*innen und Übungssitzungen durchsetzt. In den Übungssitzungen wurden wir mal mit Menschen aus der Lerngruppe und mal mit erfahrenen Co-Counseller*innen zusammengebracht, sodass auch aus dieser Praxis viel gelernt werden konnte. Ich habe dies als hierarchiearmes und vielseitiges Lernen erlebt.
Hier einige Beispiele von CCI-Werkzeugen: Durch die Verwendung von Ich-Botschaften und Gegenwart als Zeitform in der Sprache, wird der Zugang zu den eigenen Gefühlen verstärkt. Zur emotionalen Entlastung können Gefühle wie beispielsweise Wut herausgelassen werden, indem zum Beispiel brutal auf ein Kissen eingeschlagen wird oder im Rollenspiel Dinge geäußert werden, die in der Realität gewaltvoll und verletzend wären. Das schafft Raum für die Regulation von Emotionen. Mit dem Werkzeug Fantasie kann eine Zukunft ausgemalt, die Gefühle darin erkundet und über Schritte dahin nachgedacht werden.
Der Kurs behandelte nicht nur Methoden und Werkzeuge, sondern sensibilisierte auch darüber nachzudenken, wie persönliches Leiden durch soziale Machtverhältnisse verursacht sein kann, wie verinnerlichte Unterdrückung unsere Wahlmöglichkeiten und Ressourcen einschränkt, wie Verhaltensmuster durch gesellschaftliche Machtdynamiken beeinflusst sind, wie Machtdynamiken uns beeinflussen und wie wir sie durchbrechen können. Die Intention von Co-Counseln ist es an verinnerlichtem Schmerz zu arbeiten, doch dadurch können auch Unterdrückung und Ausbeutung als Mit-Ursache erkannt und herausgefordert werden. So kann soziale Transformation angestoßen werden. Nicht nur in dem Sinne, dass soziale Transformation mit persönlicher Veränderung beginnen solle, sondern auch in dem Sinne, dass viele der Menschen, die sich mit Co-Counseln beschäftigen, gleichzeitig in sozialen Bewegungen aktiv sind, und ihnen das Werkzeug Co-Counseln dabei hilft, diese Aktivität nachhaltig aufrecht zu halten, ohne auszubrennen.
Einige Beispiele wie Co-Counselling konkret in sozialen Bewegungen genutzt wird: Die Techniken werden auch in der in linken Kreisen beliebten Radikalen Therapie genutzt. Eine Teilnehmerin des Kurses plant das Werkzeug des empathischen Zuhörens, in einem Workshop innerhalb von XR UK zu nutzen, um mehr Bewusstsein für Privilegien und Unterdrückung zu schaffen. Eine erfahrene Co-Counsellerin nutzt ihre durch Co-Counseln gewonnenen Kommunikationsfähigkeiten zur Arbeit mit Frauen, die flüchten mussten. Gerade in dem Bereich ist es wichtig, dass Menschen Anerkennung bekommen und gehört werden.
Co-Counselling ist keine Therapie im Sinne einer regulierten staatlich anerkannten Dienstleistung von Psychotherapeut*innen für Klient*innen. Sie ist eine Selbsthilfe auf Augenhöhe, die therapeutische Effekte haben kann. Dies ist keine Abwertung von Therapien. Co-Counselling ist eine weitere Möglichkeit, neben Therapien, insbesondere wenn Therapien wegen langen Wartezeiten oder finanziell nicht zugänglich sind oder wegen der inhärenten Machtdynamik zwischen Therapeut*in und Klient*in abgelehnt werden. Je nach Mensch und Situation passt das eine oder das andere besser. Menschen in tiefen Krisen brauchen beispielsweise eher eine Therapie. Es gibt bisher keine wissenschaftliche Untersuchung zur Effektivität von Co-Counseln, jedoch gibt es Forschung („Efficacy of peer support interventions for depression: a meta-analysis“), die die Effektivität von Peer-to-Peer Methoden in der Therapie belegt.
Da es beim Co-Counseln Ähnlichkeiten zu Methoden gibt, die meiner Meinung nach in eine gefährliche Richtung gehen, möchte ich das an dieser Stelle warnend abgrenzen.
Doch genug der kritischen Gedanken. Ich habe einen sehr positiven Eindruck von der CCI Community gewonnen, von Freundlichkeit und Verlässlichkeit, von Enthusiasmus für die Idee und empathischer Akzeptanz. Mich wundert, dass CCI in anarchistischen Kreisen so wenig bekannt ist, wo es doch auf mindestens drei Ebenen zu anarchistischen Aktivitäten passt:
Im deutschsprachigen Raum werden aktuell unter coco-dach.net CCI Kurse angeboten – von Menschen, die ich im Kurs kennenlernen konnte.