Dieser Text wurde in dem Zine „Der Apfel und der Stamm“ zum Thema Gemeinschaft erstveröffentlicht. Das Zine wurde mit viel Liebe von der Anarchistischen Gruppe Dortmund organisiert, zusammengestellt, gelayoutet und gedruckt. Lieben Dank dafür! Als Druck-Ausgabe ist es bei Black Mosquito erhältlich und online als PDF findet ihr es hier.
Aus der Perspektive einer weißen queeren cis-weiblichen Person in einem Berliner Hausprojekt.
Gemeinschaft ist, wenn du dich erinnerst, dass auf dem Klo kein Klopapier mehr ist und schnell hinrennst, um lachend der nächsten Person gerade noch rechtzeitig eine neue Rolle zu überreichen.
Was sind die Motivationen, nach Gemeinschaft zu suchen? Nicht wohlfühlen in der Gesellschaft, in der mensch ausgegrenzt wird. Die Isolation nicht mehr aushalten können. Nicht mit dem kapitalistischen Wettbewerb mithalten können oder wollen. Zur klimafreundlichen Langsamkeit beitragen wollen. Ressourcen teilen wollen, um den ökologischen Fußabdruck zu senken. Mit psychischen Leiden kämpfen. Sich weiterentwickeln wollen. Unterstützung brauchen. Zusammen spielen wollen.
Unterschiedliche Biografien, unterschiedliche Utopien. Zusammen in einer Gemeinschaft? Erst mal passt es, erst mal steht die Gruppen-Euphorie und das gemeinsame Ziel im Mittelpunkt. Dann wird es schwieriger. Dann kommen die, die meinen, sie wüssten, wie „die richtige“, „die wahre“ Gemeinschaft funktioniert, die sich dominant in den Vordergrund stellen, Inputs für die anderen geben. Konfliktpotential, jedenfalls aus anarchistischer Perspektive.
Was ist eigentlich Gemeinschaft? (Nein, das ist nicht die eine „richtige“ Deutung, lol.) Gemeinschaft zeichnet sich nicht nur durch einen sozialen Zusammenhalt aus, sondern auch durch gemeinsame Ressourcen. Das müssen nicht unbedingt materielle Güter wie Häuser im Fall von Hausprojekten sein. Es können auch die gemeinsamen Ziele und Werte, die gemeinsamen Erfahrungen, gemeinschaftliche Zeit oder ein gemeinsames Projekt sein. All dies sind Ressourcen, die geteilt, gepflegt, und bewahrt werden wollen. Bei anarchistischen Gemeinschaften ist dabei das besondere, dass nach Bedürfnissen und im Konsens über Verteilung, Pflege, und Weiterentwicklung von Ressourcen entschieden wird. Die Gemeinschaft entwickelnd sich mit dem dynamischen Ziel anarchistischer Gesellschaften.
Eine anarchistische Gemeinschaft ist eine präfigurative Struktur, die eine anarchistische Gesellschaft so gut wie „im falschen System“ möglich lebt, eine anarchistische Utopie konkret werden lässt. Eine gegenkulturelle Bewegung, die das System zum Kippen bringen will.
Gemeinschaft ist, wenn ich riesige Mengen Lasagne zubereite und sie am Ende ganz aufgegessen ist.
In einer anarchistischen Gemeinschaft ist der Fokus auf Bedürfnisse eine Befreiung für die, deren Bedürfnisse im Kapitalismus wenig gehört werden. Das Äußern von Bedürfnissen wird zur Entdeckung des Selbst, zum Freiheitsschlag, zur gegenkulturellen Aktion.
Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass der Fokus auf Bedürfnisse zu einem Kippen in eine ungünstige Richtung führt: Wünsche, die als Bedürfnisse vorgetragen werden, Bedürfnisse, die strategisch eingesetzt werden, Bedürfnisse, die nicht verstanden und nicht akzeptiert werden. Menschen, die möglichst emotional, dramatisch und eloquent mit viel Vehemenz und Dringlichkeit die eigenen Bedürfnisse vortragen, finden mehr Gehör. Weniger wortgewandte, schüchterne, weniger selbst-bezogene Menschen, Menschen auf dem Spektrum, Menschen mit wenig Zeit für diese Diskussionen, fallen dabei schon mal hinten runter. Menschen mit Bedürfnissen, die im Weg stehen, werden durch wiederholtes Nachfragen, was denn hinter den Bedürfnissen stünde, mensch hätte es immer noch nicht verstanden, unter Druck gesetzt. Konflikte um knappe Ressourcen werden zu einem Wettbewerb um die stärkeren und wichtigen Bedürfnisse, Bedürfnisse zur Waffe.
Wieso kommt es zu diesen Schlachten? Nein, es können nicht immer alle Bedürfnisse innerhalb einer Gemeinschaft erfüllt werden. Z.B. wenn es um knappe Ressourcen, wie beispielsweise Räume in einem Hausprojekt geht. Wie gehen wir damit um, dass es außerhalb der Gemeinschaft noch viel mehr unerfüllte Bedürfnisse gibt? Stecken wir fest, in Mustern des unreflektierten Konsumierens, des Konkurrenzkampfes? Schlimm wird es in langfristigen Gemeinschaften, wenn vergangene Konflikte nicht geklärt sind, Menschen das Gefühl bekommen, dass ihre Bedürfnisse immer wieder hinten runterfallen und sich der Bedürfniswettbewerb hochschaukelt.
Dann geht Vertrauen verloren. Vertrauen darin, dass Bedürfnisse ehrlich kommuniziert werden, Vertrauen darin, dass es den Leuten nicht nur um sich selbst geht, dass getroffene Vereinbarungen eingehalten werden, Vertrauen in die Zukunft, Vertrauen in anarchistische Gemeinschaften.
„Es passiert nur so viel, wie du selbst anstößt“, sagte mir eine Person bei meinem ersten Besuch in einem Hausprojekt. Stimmt das?
Ich wünsche mir, gerade für langfristige Gemeinschaften, dass wir einander vertrauen können. Ein safer Space und Sicherheit. Dazu gehört, das Muster des Abweisens von Verantwortung, das wir durch Sozialisation in autoritären Strukturen gelernt haben, abzulegen. Es geht nicht um Schuld, es geht um Verantwortung. Die Bedürfnisse aller zu respektieren, Vereinbarungen, die anderen wichtig waren, zu respektieren. Wenn andere nur mit Grummeln einer Vereinbarung zustimmen konnten, nach einer Weile mal nachzufragen, wie es ihnen damit geht. Einzugreifen, wenn andere einander angreifen. Passives Zuschauen ist die Normalisierung dieses Verhaltens und eine weitere Demütigung der angegriffenen Person, ein Verlust der Verhältnismäßigkeit, der Realität dessen, was angemessenes Verhalten bedeutet. Verlust von Sicherheit und Gemeinschaft.
Eine anarchistische Gemeinschaft übt Kritikfähigkeit und Mut zur Konfliktbewältigung. Kannst du als Anarchist*in mit Kritik umgehen, auch wenn es um dein herrschaftsförmiges Verhalten geht? In langfristigen Gemeinschaften ist Weglaufen vor Konflikten schwierig. In Hausprojekten sind die Konflikte deine Nachbar*innen. Und wenn sie Überhand nehmen, kommen Ignoranz, Zynismus, soziale Kälte.
Gemeinschaft ist, wenn in ländlichen Regionen, die ganze queere Bewegung zusammen zum CSD kommt, ohne sich zu zersplittern.
Wollen wir den Fokus mehr auf zur Verfügung stehende Ressourcen schieben? Durch welche Strukturen können wir Muster der Manipulation und Herrschaft frühzeitig erkennen, bevor sich beschissenes Verhalten normalisiert und Konflikte aufstauen? Welche Vereinbarungen treffen wir zur Bearbeitung von Konflikten unterschiedlicher Eskalationsstufen und halten wir uns auch an sie?
Soziale Gefüge in Gemeinschaften, zwischenmenschliche Interaktionen und Bedürfnisse sind komplex. Vielleicht ist die Komplexität in der Gruppe zu hoch. Vielleicht passen die Vorstellungen von Gemeinschaft nicht zusammen. Trennung ist nur eine Option nach vielen anderen. Gerade, wenn es um begehrte Ressourcen wie günstigen Wohnraum geht, ist Trennung schwer. Leute bleiben, weil sie an der Ressource klammern, ohne noch wirklich Lust auf die Gemeinschaft zu haben, was wiederum den Frust derer stärkt, die die Gemeinschaftsstrukturen stärken wollen.
Trennung ist nicht Versagen oder Scheitern, sondern die Präfiguration von vielfältigen Gemeinschaften, einer wichtigen anarchistischen Idee: Vielfältige Gemeinschaften formen sich um gemeinsame Interessen oder Bedürfnisse, Gemeinschaften entstehen und lösen sich auf, Gemeinschaften trennen sich und koexistieren. Können wir Strukturen schaffen, die Trennung erleichtern? Für Gemeinschaften, über die mensch Geschichten erzählen kann, die das Narrativ verändern, die anarchistische Gesellschaften vorstellbar machen.
Gemeinschaft ist das, was beim Lesen von „Stone Butch Blues“ trotz all der Wut über Gewalt Tränen der Rührung hervorruft.